Rezension: Daniel Kehlmann - Ruhm
Während der Vorgänger das Erkennen der Welt zum Inhalt hatte, geht es nunmehr um das Erkennen des Ichs. Verschiedene Charaktere schlagen sich mit ihrem Leben herum, suchen Alternativen und Fluchtwege. Dem Einen gelingt eine kurze Flucht aus dem Alltag, der Anderen wird ihr gewohntes Leben plötzlich genommen. Der Eine versucht, zwei Leben und Frauen, er nennt es „Möglichkeiten", parallel zu organisieren, der Andere hat eigentlich nicht einmal ein richtiges Leben und für immer nur sich...
„Ruhm" besteht aus neun kurzen Geschichten, alle sind irgendwie miteinander verbunden, wenn auch zwei (Rosalie geht sterben, Antwort an die Äbtissin) aus meiner Sicht heraus- und abfallen. Einen roten Faden, eine durchgehende Handlung gibt es nicht. Handys, Sex und Prominenz – das sind Motive, unter denen sich die meisten Geschichten verbinden lassen. Handy und Internet bestimmen den Alltag der Menschen, nach Ursachen und Gründen wird heute kaum noch gefragt. Diese Beobachtung wird dem Leser zweimal mitgeteilt – Leute unter 30, heißt es an anderer Stelle, interessieren sich nicht dafür, „warum die Dinge so wurden, wie sie sind." Auch der geneigte Geschichtslehrer muss dieser betrüblichen Erkenntnis teilweise zustimmen!
Meine Frage an den Autor: In zwei Geschichten taucht unvermittelt ein dünner Mann mit fettigen Haaren auf, fährt Autos, die ihm nicht gehören, und chauffiert Figuren von A nach B. Wer ist das und warum ist er? [Nachtrag nach Internetrecherche; Daniel Kehlmann in einem FAZ-Interview: „Der Kerl kommt immer wieder vor in meinen Büchern. Keine Ahnung, wer er ist und was er will!"]
Die Geschichten:
Stimmen
Ebling, ein Servicetechniker, repariert Computer und hat ein langweiliges Leben, bis er sich entschließt, ein Handy zu kaufen und mit diesem die Nummer von Frank Tanner zugewiesen bekommt, einem Kinostar. Eine Zeitlang kann er sein eigenes Leben spannender machen, indem er sich mit dem Handy in das von Tanner einmischt.
In Gefahr
Der Schriftsteller Leo Richter ist auf Lesereise in Südamerika. Bei ihm ist seine neue Geliebte Elisabeth, die als „Ärztin ohne Grenzen" schon schlimmere Reisen erlebt hat. Er erweist sich als kaum lebenstüchtig, sieht sich schon in einem fremden Hotel „in Gefahr" und lehnt eine weitere Reise, diesmal nach Zentralasien, ab („Ich erfinde. Eigentlich will ich gar nichts sehen."). Er befürchtet, sie hat erlebt.
Rosalie geht sterben
Rosalie hat Bauchspeicheldrüsenkrebs und fährt in die Schweiz, um bei einem Verein für Sterbehilfe ihr Ende zu finden. Dann jedoch greift der Autor Leo Richter in die Geschichte ein, erst eher behutsam moderierend, dann radikal: Rosalie ist wieder jung und gesund. Leo will sie zunächst damit trösten, dass sie nicht real sei – allerdings hat auch sie Zweifel an seiner Realität.
Der Ausweg
Der Starschauspieler Ralf Tanner möchte aus seinem Leben fliehen, tritt als Ralf-Tanner-Double in einer Diskothek auf und fängt „unter falschen richtigem Namen" eine Affäre an. Als er nach einiger Zeit in sein altes Leben zurückkehren möchte, hat ein Anderer seinen Platz eingenommen, der Wandel hat sich komplett vollzogen. Zwischendurch gab es da noch das Problem, dass jemand anders in seinem Namen Verabredungen platzen lassen und Projekte abgesagt hat.
Osten
Maria Rubinstein nimmt anstelle Leo Richters an einer Reise nach Zentralasien teil. Als Schriftstellerin ist sie aber eigentlich nicht gefragt und wird mit einer Gruppe Reisejournalisten durch das Land gekarrt und mit Schweinebraten verköstigt. Als die Gruppe zurückfliegt, vergisst man sie, sie muss bleiben und das alles nur, weil sie das Ladekabel ihres Handys vergessen hat... „Eine falsche Regung, und man fand nicht mehr zurück, und schon war das alte Dasein dahin und kam nie wieder."
Antwort an die Äbtissin
Der Sinn-Ratgeber-Schriftsteller Miguel Auristos Blancos stellt in einem Brief an eine Äbtissin Gott und den Sinn des eigenen Lebenswerks infrage. Um diesem Brief und sich durch einen solchen Abgang Bedeutung zu verschaffen, erwägt er, Selbstmord zu begehen.
Ein Beitrag zur Debatte
Internet-Junkie Mollwitz postet in einem Promi-Forum seine verkorkste Begegnung mit dem Schriftsteller Leo Richter. Er traf ihn auf einer Tagung, zu der sein Chef ihn kurzfristig geschickt hatte und auf der sich zeigte, dass er für eine Welt außerhalb des Internet nicht mehr taugt. Um Richters Aufmerksamkeit zu erlangen und in einer seiner Geschichten vorzukommen, verwüstet er sogar dessen vermeintliches Zimmer.
Wie ich log und starb
Der Abteilungsleiter einer Telekommunikationsfirma versucht, zwei Leben parallel zu führen: Eines mit der Geliebten und eines mit der Ehefrau. Die Tragik an der Sache: Am stärksten liebt er jeweils die, bei der er gerade nicht ist. Auf einer Tagung droht die Entdeckung, also schickt er seinen Mitarbeiter Mollwitz. Am Ende kommt alles heraus, zudem hat seine Abteilung zu verantworten, dass bereits vergebenen Telefonnummern an Neukunden vergeben wurden.
In Gefahr
Leo Richter ist mit seiner Freundin im „Ärzte-ohne-Grenzen-Einsatz. In Afrika begegnen sie der Hauptfigur seiner Romane, die Ebenen verschwimmen. Und plötzlich verabschiedet sich Richter aus der Geschichte.
Martin Habersaat, Februar 2009
