Rezension: Willi Heinrich - Maiglöckchen oder ähnlich
Dieser Tage habe ich mir den Roman „Maiglöckchen oder ähnlich" von 1965 vorgenommen.
Was mich an den Romanen Willi Heinrichs interessiert, das trifft auch auf Werke von Simmel oder Remarque zu, ist weniger die hohe Kunst der Literatur -es handelt sich um handwerklich gut gemachte Unterhaltungsliteratur-, es ist die Zeitgeschichte, die sie dokumentieren, im vorliegenden Falle der „Duft der 1960er-Jahre", den sie atmen.
Die Ich-Erzählerin Simone S. ist Zeitungsredakteurin im Städtchen Münsheim. Vordergründig geht es um die, 1963 nicht unproblematische und deshalb geheime, Liebesbeziehung zur Fotografin Lis und den sich gegen die Regierung auflehnenden Witwer Schulberg, daneben und im Hintergrund aber eben auch um Simones Vater, der die Ideen des „3. Reiches" so schlecht eigentlich doch fand und nun der Demokratie ihre vermeintlichen Schwächen vorhält (etwa die beiden Verbote von Parteien in den 1950er-Jahren). Mal ist vom „konfusen Gestammel gewisser Regierungsmitglieder" die Rede, „wenn sie sich vor Flüchtlingsverbänden zur Oder-Neiße-Linie äußern müssen", an anderer Stelle wird über „schlechte Radioprogramme und die EWG" diskutiert.
Als Vater S. in einer Diskussion über das politische System „wirkliche Volksvertreter" fordert, „Idealisten, denen das Gesamtwohl über persönlichen Profit geht", lässt Heinrich seine Heldin ihn auflaufen lassen: „Wie die alten Nazis. Sie lebten in einfachen Hütten, sangen frohe Lieder und halfen totschlagen, wo sie nur konnten." Vergangenheitsbewältigung und Gegenwartskritik in Romanform - interessant eher für den Historiker als den Germanisten, aber eine interessante Lektüre für zwischendurch.
Martin Habersaat, Mai 2009
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