Gedanken zu: Max Frisch - Biedermann und die Brandstifter
Cover: Biedermann und die BrandstifterIm März 1958 wurde das Schaupiel „Biedermann und die Brandstifter" von Max Frisch uraufgeführt, in Zürich. Zuerst notiert hat Frisch die Geschichte 1948 in seinem Tagebuch in der Du-Form. Im Juli 2009 bemühte nun der CDU-Fraktionsvorsitzende im Kieler Landtag dieses Lehrstück, um Ralf Stegner als Brandstifter zu charakterisieren. Dass er damit dem Ministerpräsidenten Peter Harry Carstensen die Rolle des Biedermanns zuordnete, sagt viel aus über die aktuelle Lage in der CDU. All dies ist Grund genug für einen neuen Blick auf einen alten Text. Typisch für Frisch ist übrigens, dass ein Text in verschiedenen Varianten vorliegt, der vorliegende wurde beispielsweise 1953 zunächst zu einem Hörspiel verarbeitet. In der Rezeption ist das Schauspiel die meistbesprochene, ich habe mir die Rezeption und die Burleske angesehen. Ein Mann, ab der Hörspielfassung mit dem Namen Biedermann, lässt einen Fremden auf seinem Dachboden wohnen. Ungern zwar, denn man hörte von Brandstiftungen in jüngster Zeit, aber „nein" zu sagen wäre ihm unangenehm. Generell geht er gern den Weg des geringsten Widerstands. Auch einen zweiten Fremden lässt er hinzu, obwohl dieser ein vorbestrafter Brandstifter ist. Eigentlich wäre Biedermann beide gerne los, aber er scheut den Konflikt - sogar dann noch, als sie Benzinfässer nach oben tragen. „Dann wünschen sie nur noch eines: Streichhölzer. Nichts wäre verfehlter, als wenn du jetzt wieder zusammenzucktest; auf Verdacht ist keine Freundschaft aufzubauen." Es kommt, wie es kommen muss...
Einfach gebaut sei dieses Stück, schreibt Kindlers Literaturlexikon, dennoch vieldeutig in seinen Interpretationsmöglichkeiten. Das Züricher Premierenpublikum etwa, so heißt es hier, fühlte sich vor kommunistischer Infiltration gewarnt. Hellmuth Karasek sah eine Parabel, in der die Machtergreifung Hitlers treffend eingefangen sei: „Die Erfahrung, dass Hitler aus seinen wahren Absichten in ‚Mein Kampf' nie einen Hehl gemacht hat, ist hier szenisch fassbar geworden." Frisch selbst charakterisierte Biedermann einmal als durchschnittlichen Bürger, „der ein schlechtes Gewissen hat ... und der ein gutes haben möchte, ohne irgendetwas zu verändern". Die deutsche Erstaufführung im September 1958 wurde um ein Nachspiel aus der Feder Frischs ergänzt, das die Biedermann-Figur deutlich als Nazi-Mitläufer charakterisiert. Über die Brandstifter äußerte Frisch 1978: „Ich meine: Die beiden gehören in die Familie der Dämonen. Sie sind geboren aus Gottlieb Biedermann selbst: aus seiner Angst, die sich ergibt aus seiner Unwehrhaftigkeit." Ralf Stegner also als Manifestation der Ängste Peter Harry Carstensens? Und hat der Ministerpräsident nicht selbst von schlaflosen Nächten gesprochen?
Taugt diese Deutung für Schleswig-Holstein? Eigentlich nicht. Der CDU verdanken wir 2009 ein neues Deutungsmuster für das Stück, das mir allerdings nicht sehr tragfähig scheint. Vermutlich wurde der Titel des Stücks als Stichwortgeber genutzt - allerdings: Wenn daraufhin mehr Menschen sich mit Literatur befassen, wäre damit einem guten Zweck gedient. Das gilt übrigens allemal für Max Frisch, einen meiner Lieblingsautoren.
Martin Habersaat, Juli 2009
