Rezension: Uwe Tellkamp - Der Turm
„Die Buddenbrooks auf Ostdeutsch", hatte ich aus der Werbung über diesen Roman vernommen, und immerhin, der Autor gibt sich alle Mühe: ein Untertitel („Geschichte aus einem versunkenen Land"), ein verwunschener Brunnen und sezierte Aussprache („Krest-jan") hier, ein paar blaue Äderchen dort, Thomas Mann und Tonio Kröger werden eingestreut, eine gewisse Nähe wird hergestellt. Während Thomas Mann allerdings den Verfall einer Familie sprachlich brillant begleitet, beschreibt Tellkamp den Verfall eines Staates am Beispiel einer Familie zwar mit viel Lust an Sprache, aber nicht immer zum Vergnügen des Lesers. Das stellte sich in meinem Falle ein bei sächsischer Mundart („Äggspärtn") und bei manchen formalen Kniffen, zum Beispiel wenn Christian, der Sohn der Familie Hoffmann, seinen Lieben per Briefserie von seinem Leben bei der NVA berichtet. Die Tagebücher seines Onkels Meno dagegen sind schon eher zu ertragen als zu genießen, ebenso manche überladene Beschreibung wie die vom Wind, der nagt, hüpft und beißt. Und, ich gebe es zu, Worte wie „fatigant" (frz., anstrengend) und „hidös" (?) musste ich missmutig nachschlagen. Wenigstens legte Tellkamp sie einer gestelzt auftretenden Figur in den Mund.
Im Kern der Geschichte stehen Christian, erst als Schüler, dann als Soldat, in beiden Rollen mit den Tücken eines Systems kämpfend, das intelligentes Mitdenken nicht eben förderte und der zwischenzeitlich als Gefangener bei den Karbidwerken in Halle zur Zwangsarbeit landet, sein Vater Richard, ein Chirurg, der seine Probleme mit dem System in verschiedenen Liebschaften kompensiert und mit diesen von der Stasi erpresst wird (interessant hier die abgehackten Dialogfetzen, mit denen Tellkamp die Atmosphäre eines solchen „Gesprächs" darstellt und das kürzeste Kapitel des Buches, das in wenigen Worten eine Welt für Christian und sympathisierende Leser zusammenbrechen lässt), und Christians Onkel Meno, der Bruder seiner Mutter. Meno ist Naturwissenschaftler und Lektor. Anstatt sich mit den Zensoren seines Verlages zu streiten, neigt er im Laufe des Romans immer mehr der Betrachtung naturwissenschaftlicher Phänomene zu.
Seine Stärken hat „Der Turm", wenn eben diese Hauptfiguren dem real existierenden Sozialismus ausgesetzt sind und der Leser viel über den Alltag in der DDR lernt. Wenn Meno plötzlich seinen Balkon mit einem im Haus zwangseinquartierten Ehepaar Marke „Blockwart" teilen muss, auf der Straße in einen Streit über die Qualität von „Kurbelrührerzeugnissen" aus dem VEB Soundso gerät oder sich an einer Warteschlange anstellt, einfach weil sie da ist. Das Ergebnis seiner Mühe: verschiedene Auto-Ersatzteile. Er hat war kein Auto, deponiert die Teile aber im Keller und kann sie später in verschiedenen Tauschgeschäften sinnvoll verwenden. Oder eben bei den finstereren Passagen von Behördenwillkür, Stasi-Terror und Angst vor dem offenen Wort. Von einer schleichenden, heimtückischen Krankheit ist die Rede, die die Häuser in der DDR verbargen und die schließlich, auch im Roman stark von kirchlichen Kräften ausgehend, zu einem Schild im örtlichen Friseurladen führt: „Wegen Revolution geschlossen!"
Martin Habersaat, August 2009
