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Rezension: Wolfgang Koeppen - Das Treibhaus

Cover: Das Treibhaus Cover: Das TreibhausIn „Das Treibhaus" beschreibt Wolfgang Koeppen in fünf Kapiteln die letzten zwei Tage des Bundestagsabgeordneten Keetenheuve, SPD. Nicht seine letzten zwei Tage als Abgeordneter, sondern in dessen Leben. In dem 1953 erstmals erschienenen Roman thematisiert Koeppen dabei vor dem Hintergrund des noch gar nicht so lang zurückliegenden Krieges das Leben in der provisorischen Bundeshauptstadt Bonn und die Diskussionen um die Wiederbewaffnung Deutschlands. Keetenheuve, vor dem Krieg als Journalist in Berlin tätig, ist vor den Nazis ins Ausland geflohen. Nicht, weil er Verfolgung zu fürchten gehabt hätte, sondern aus Abscheu. Bei Kriegsende ist er 39 Jahre alt.

Weil er zur Zeit seiner Emigration publizistisch tätig war und beim Aufbau eines besseren Deutschland helfen möchte, landet er in der Politik und schließlich für die SPD im Bundestag. Die SPD wird nicht ausdrücklich erwähnt, jedoch steht Keetenheuve in Opposition zum rosenzüchtenden alten Mann, der Kanzler ist, und gehört einer Oppositionspartei an, deren Regierungsübernahme realistisch scheint und für deren Fraktionsvorsitzenden „Wiederbereinigung vor Westbindung" als Mantra gilt.

Keetenheuve ist ein verzweifelter Mensch. Seine wesentlich jüngere Frau fühlt sich durch sein Engagement in der Politik einsam, verfällt dem Alkohol und lesbischer Liebe und stirbt kurz vor dem Zeitpunkt, zu dem der Roman einsetzt. Keetenheuve verzweifelt aber auch in und an der Politik. Er ist umgeben von Menschen, die ihre NS-Vergangenheit vor sich damit rechtfertigen, Schlimmeres verhindert zu haben und die nun schon wieder über eine Bewaffnung Deutschlands Nachdenken. Auch in der eigenen Partei eckt er mangels Anpassungswillen zuweilen an, ist ein Oppositionspolitiker, der zuweilen nicht sicher ist, den besseren Weg zu kennen.

In der entscheidenden Bundestagsdebatte kann Keetenheuve die Wiederbewaffnung nicht verhindern, seine besten Argumente werden durch die Presse am Tag der Debatte unbrauchbar gemacht. Ein Deutschland, in dem wieder Generäle an die Macht kommen, denen aus seiner Sicht nicht vertraut werden darf, kann er jedoch nicht ertragen. Sein politisches Hauptanliegen ist gescheitert, sein Privatleben auch - schon die Flucht 1933 hatte er als Versagen empfunden; auf ein Angebot aus Regierungskreisen, ihn als Botschafter nach Guatemala „abzuschieben", mag er, obwohl es ihn lockt, nicht eingehen. In seiner Verzweiflung sieht Keetenheuve schließlich keinen anderen Ausweg mehr aus dem „Treibhaus", als das er das sommerlich-miefige Bonn empfindet, als eine Rheinbrücke.

Koeppen geht es bei diesem kurzen Roman weniger um die Schilderung von Politik; Wahlkreisarbeit, Fraktionssitzungen und politische Debatte geben zwar den Rahmen, den Kern bildet aber der Mensch Keetenheuve, der sich im Alltag stets reflektiert und gebrochen ironisch hinterfragt. Beim Einkauf sieht er sich als den „Normalverbraucher Keetenheuve", in der politischen Debatte als den potentiellen „Stolperstein Keetenheuve", beim Blick auf eine hübsche Sechzehnjährige als „Keetenheuve Mann ohne Anstand". Koeppens Sprache ist bildreich, schweift oft ab in Richtung innerer Monologe der Hauptfigur oder auch mal in einen surrealen Dialog Keetenheuves mit Hitler und McCarthy, aber so wird schließlich der Titel des Romans plastisch.

Martin Habersaat, April 2010


 
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