Rezension: Marion Zimmer Bradley - Die Nebel von Avalon
Die Christliche Kirche entwickelt sich von der geduldeten Randerscheinung zum bekämpften Gegner, der schließlich der keltischen Religion überlegen ist. Erst gegen Ende versöhnen sich beider Religionen, obwohl der Merlin von Britannien die Lösung schon zu Beginn verkündet: „Alle Götter sind ein Gott". Dabei geht es durchaus unchristlich zu: Der Leser erfährt von Morgaines nächtlichen Abenteuern mit ihrem Halbbruder Artus, mit Lancelot und erblickt letzteren auch an der Seite von Artus und Gwenhwyfar.
Der Roman ist aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt. Gwenhwyfar, in einem Kloster aufgewachsen und von dem Wunsch beseelt, an Artus' Seite ein christliches Königreich zu erschaffen, beurteilt die Menschen an ihrem Hofe natürlich mit grundsätzlich anders als Morgaine, die Artus an seine Versprechungen Avalon gegenüber zu binden versucht. Die weibliche Perspektive sorgte dafür, dass „Die Nebel von Avalon" in der feministischen Rezeption eine bedeutende Rolle spielte.
Bei der ersten Lektüre im Teenager-Alter war ich restlos begeistert von der dichten Atmosphäre und „neblig-waldigen" Grundstimmung. Als ich den Roman jetzt nach vielen Jahren noch einmal gelesen habe, fielen mir auch durchaus unfreiwillig komische Szenen auf. In meiner Taschenbuchausgabe auf S.857: „Sanft grunzend lief sie durch den Wald... Sie spürte das Leben, die rennenden und rufenden Jäger... Göttin! Große Muttersau..." Wer wollte meinen, dass die gerade ein Mord geschieht? Es gibt aber auch erzählerische Highlights, selten war ich bei der Lektüre so empört wie nach dem hinterhältigen Mord an Viviane...
Martin Habersaat, Oktober 2010
