Gastrezension: Karin Bruder - Zusammen allein
Im Mittelpunkt von Karin Bruders Roman steht Agnes Tausch. Sie ist 15 Jahre, als ihr Vater Kronstadt in Siebenbürgen verlässt und in die Bundesrepublik Deutschland flieht. Ein Jahr später, im Frühjahr 1987, folgt Agnes' Mutter ihrem Mann in den Westen. Agnes bleibt alleine in Siebenbürgen zurück und muss sich zunächst einmal gegenüber dem rumänischen Geheimdienst Securitate, aber auch gegenüber ihren Verwandten behaupten. Nicht nur aus Protest gegen die Eltern beschließt Agnes, trotz der materiellen Not in Rumänien zu bleiben und sich für den Sozialismus einzusetzen.
Desillusionierung über das Ceausescu-Regime
Doch schon bald muss sie erkennen, dass das Ceausescu-Regime die sozialistischen Ideale mit Füßen tritt: Während das Volk hungert und friert, leben die Bonzen in Saus und Braus. Der allgegenwärtige Geheimdienst Securitate kontrolliert die Bürgerinnen und Bürger bis in die Privatsphäre und zerstört damit jedes zwischenmenschliche Vertrauen. Endgültig erkennt Agnes den verbrecherischen Charakter der Securitate, als Petre, ein Student, in den Agnes sich verliebt hat, aufgrund einer Flugblattaktion vom Geheimdienst verhaftet und gefoltert wird. Als gebrochener Mann kehrt Petre aus den Kerkern des Ceausescu-Regimes zurück.
Desillusionierung über die Wende
Eindringlich schildert Bruder im letzten Teil ihres gut recherchierten Romans die Entwicklung in Rumänien im Winter 1989 insbesondere anhand der blutigen Kämpfe in Temesvar. Agnes begrüßt den Sturz des Ceausescu-Regimes und muss doch schon bald erkennen, dass die alten Securitate-Seilschaften die Wende nahezu bruchlos überstanden haben, dass die wahre Befreiung noch aussteht. Und dennoch entscheidet Agnes sich, entgegen dem allgemeinen Trend nicht in den Westen zu ziehen, sondern in ihrer Siebenbürger Heimat zu bleiben und dort ihr Glück zu finden.
Mehr als ein politischer Roman
Zunächst einmal ist Karin Bruders Roman eine literarische Verarbeitung der Wende in Rumänien. Aber er ist deutlich mehr: Indem er die politischen Prozesse aus der Perspektive einer Heranwachsenden schildert und deren Entwicklung eindringlich darstellt, ist Zusammen allein zugleich auch ein Roman über die Identitätssuche einer jungen Frau und über das Leben der Siebenbürger Sachsen. Diese Lesarten des Romans werden dadurch unterstützt, dass die Autorin auch den Nebenfiguren viel Aufmerksamkeit schenkt. Agnes' grantelnde Großmutter, erschöpft vom täglichen Überlebenskampf und dennoch voller subversiver Vitalität, ist nur ein gelungenes Beispiel.
Ironie als Stilmittel
Überzeugend ist Bruders Entscheidung, die Geschichte von Agnes selbst erzählen zu lassen. Dies bietet der Autorin die Möglichkeit, die Entwicklung dieser jungen Frau authentisch mit Hilfe gelungener poetischer Bilder darzustellen. Glaubhaft wirkt durch diese Perspektive auch der häufig ironisch-distanzierte Blick auf die Wirklichkeit, dem der lakonische Stil des Romans entspricht.
Insgesamt: ein überaus lesenswertes Buch nicht nur für jüngere Leserinnen und Leser. Dass die selbst 1960 in Kronstadt geborene Autorin zehn Prozent ihrer Einnahmen aus dem Buchverkauf Reporter ohne Grenzen spendet, sollte die Kaufentscheidung noch beflügeln.
Tomas Unglaube
