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Rezension: Jonathan Franzen - Freiheit

Cover: Freiheit Cover: FreiheitJeder Mensch ist frei, aus seinem Leben das zu machen, was er möchte. Theoretisch. Praktisch wird diese Freiheit durch Entscheidungen eingeschränkt, durch Freunde, Familie. Dieses Denkmuster spielt Jonathan Franzen am Beispiel der Familie Berglund in seinem Roman „Freiheit" durch, vom Spiegel gelobt als „Neuauflage des großen amerikanischen Romans": Patty und Walter lernen sich auf dem College kennen. Er verliebt sich in sie, sie hat eher Interesse an seinem Mitbewohner Richard, einem angehenden Rockstar. Ihre Entscheidung fällt dann doch zugunsten Walters, man kauft ein Haus in der Vorstadt und bekommt zwei Kinder.

Das Vorstadtleben führt allerdings nicht zu Glück und Erfüllung. In Walter steckt eigentlich ein Umweltaktivist, der in einem von George W. Bush regierten Land vielleicht auch gar nicht glücklich sein kann. In Patty steckt irgendwie auch mehr, nur wird ihr nach Sport-Erfolgen am College niemals klar, was eigentlich. In einer Affäre mit Richard versucht sie, es herauszufinden. Die Berglund-Kinder machen ihre eigenen Erfahrungen mit ihrer Freiheit: Joey etwa experimentiert im Bett mit der Nachbartochter, schließt sich einem konservativen Think-Tank an, verdient Geld mit dem Irak-Krieg, erforscht seine jüdischen Wurzeln und stellt fest, dass er zum Republikaner nicht taugt.

Hintergrund dieser Familiensaga über 30 Jahre ist die jüngere amerikanische Geschichte, die Familie macht unter der Bush-Regierung ihre schlimmste Zeit durch und findet unter Obama schließlich wieder zu sich selbst. Sex spielt neben der Politik eine wesentliche Rolle in der Selbstfindung der Figuren; „Geistig und kulturell flitzen wir nur herum wie ziellose Billardkugeln und regieren ziellos auf die neuesten Reize." Höhepunkt ist eine Tirade Walter Berglunds gegen die amerikanische Mittelschicht, die Schuld ist an der Lage des Planeten: „Ein perfektes System, denn solange Sie ihren eins achtzig Meter breiten Plasmafernseher haben und dazu noch den Strom, um ihn laufenzulassen, müssen Sie sich keine Gedanken über die hässlichen Konsequenzen machen. Sie können sich Survivor: Indonesien ansehen, bis es kein Indonesien mehr gibt."

Zeit online sieht das Buch mit einem Bein „im Kitschverdacht" und beschreibt die verschachtelt-rückblendende Erzählstruktur so: „An jeder Stelle könnten Geschichten von Vorfahren, Ökoprojekten, Washingtoner Schweinereien und erotischen Eskapaden eingefügt werden, ohne dass sich am Gesamtbild des Romans irgendetwas änderte - so sehr ist dieser auf behagliche Breite angelegt." Ich habe das Buch genossen als eines, dessen Fortgang man gespannt verfolgt, weil man die Figuren kennengelernt hat und an ihrem Leben Anteil, von ihren Erfahrungen lernen will.

Martin Habersaat, April 2011

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-73600014.html

http://www.zeit.de/2010/37/L-B-Franzen?page=2


 
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