Gastrezension: Geisler / Schultheis - Heile Welten. Rechter Alltag in Deutschland
Von Tomas Unglaube - Bereits seit einigen Jahren zeichnet sich im rechtsextremen Lager der Bundesrepublik eine gefährliche Doppelstrategie ab: Neben offen neonazistischem Gedankengut propagieren die NPD und ihre Nebenorganisationen verstärkt „traditionelle" Werte, um so auch bürgerliche Wählerinnen und Wähler gewinnen zu können. Gleichzeitig öffnen sich Teile der National-Konservativen vermehrt faschistischem Gedankengut. Beiden Tendenzen spüren Astrid Geisler und Christoph Schultheis in ihrem lesenswerten Buch Heile Welten. Rechter Alltag in Deutschland nach.
Der nette Neonazi von nebenan
In ihren gut recherchierten, jeweils etwa zwanzig Seiten langen Reportagen zeigen die Autoren, wie es der NPD und ihren Nebenorganisationen mit Hilfe eines bürgerlichen Habitus gelingt, vor allem in Dörfern und Kleinstädten Anerkennung zu erlangen und so bis in der Mitte der Gesellschaft Einfluss zu gewinnen. Jugendarbeit, Tätigkeiten in Sportvereinen, Beratungen in Sozialhilfeangelegenheiten sowie Elternarbeit in Schulen sind hier besonders beliebte Vehikel.
Ebenso stellen Geisler und Schulheiß eingehend dar, wie die NPD und andere rechtsextreme Organisationen mit Hilfe des Internets ihre faschistische Gesinnung propagieren. Vornehmlich durch Musikvideos sollen hier in erster Linie Jugendliche angesprochen und geworben werden.
Islamgegner und Rechtsextremismus
Am Beispiel des Kölner Internetjournals „Politically Incorrect" untersuchen die Autoren, wie fließend die Grenzen zwischen National-Konservativen, Republikanern, Pro NRW etc. und Rechtsextremen sind. Überzeugend zeigen sie, dass sich hinter der biederen Warnung vor einer „Islamisierung Deutschlands" allzu häufig faschistisches Gedankengut verbirgt. Vor allem anhand der ausführlich zitierten Leserreaktionen belegen sie erschreckend eindrucksvoll die Nähe von Islamgegnerschaft, Rassismus und Rechtsextremismus.
Die Rolle der Medien
Immer wieder problematisieren Geisler und Schultheis in ihren Reportagen die Rolle der Medien im Umgang mit dem Rechtsextremismus. Dabei zeigen sie nicht nur, wie Medien rechtsextreme Ideologien transportieren. Interessanter noch sind ihre Analysen, in denen sie darlegen, wie die durchaus kritisch gemeinte Berichterstattung über Neonazis, zum Beispiel die Immobiliengeschäfte des inzwischen verstorbenen Rechtsanwalts Jürgen Rieger oder ausländerfeindliche Gewalttaten, ungewollt den Rechtsextremen nutzen.
Astrid Geisler und Christoph Schultheis verzichten im Schlusskapitel bewusst auf einfach umzusetzende Ratschläge. Sie wollen mit ihren Reportagen vielmehr dafür sensibilisieren, dass rechtsextremistisches Denken und Handeln in unserer Gesellschaft nicht auf „Ewiggestrige" und die notorischen „Glatzen" beschränkt ist. Dieses Ziel haben sie in ihrem zudem gut zu lesenden Buch überzeugend erreicht.
Astrid Geisler / Christoph Schultheis: Heile Welten. Rechter Alltag in Deutschland, München: Carl Hanser Verlag 2011, 224 Seiten. € 15,90. ISBN 978-3-446-23578-6
Tomas Unglaube, Reinbek
