Schleswig-Holsteins Weg zur inklusiven Schule

Foto: Martin Habersaat, MdL
Foto: Martin Habersaat, MdL

Beitrag zum Kreisparteitag der SPD Stormarn am 22. November 2014 in Neuschönningstedt: Schleswig-Holstein hat eine lange Tradition bei der integrativen Beschulung von Schülerinnen und Schülern mit besonderem Förderbedarf. Schon seit 1990 gibt es im Schulgesetz ein Wahlrecht für Eltern, ob sie ihr Kind an einer Förderschule oder eine allgemeinbildende Schule geben wollen. Seit bald 25 Jahren ist die Integrationsquote in jedem Jahr um zwei bis vier Prozent gestiegen.
Im Schuljahr 2013/14

  • 10.200 Schülerinnen und Schüler (rd. 2/3) mit sonderpädagogischem Förderbedarf in allen rund 700 allgemeinbildenden Schulen
  • 5.800 Schülerinnen und Schüler (rd. 1/3) besuchen rund 70 Förderzentren

Jetzt befinden wir uns auf dem Weg von der Integration zur Inklusion.

Und wir müssen anerkennen, dass unsere Schulen auf diesem Weg Unterstützung brauchen. Diese Anerkennung ist nicht selbstverständlich. Das das hatten CDU und FDP in der letzten Legislaturperiode nämlich noch bestritten: „Die bisherige Entwicklung hat gezeigt, dass sich die inklusive Beschulung im Rahmen der vorhandenen Ressourcen verwirklichen lässt.“ (Zitat aus dem Bericht zur landesweiten Umsetzung von Inklusion in der Schule, Drucksache 17/1568, S.34)

Es geht in dem jetzt vorgelegten Inklusionskonzept (Drucksache 18/2065) nicht darum, wie die Quote der inklusiv beschulten Schülerinnen und Schüler zu steigern ist. Diese Quote wird weiter steigen, weil unsere Gesellschaft sich verändert. In dem Konzept geht es um die Frage, welche Unterstützung die Schulen brauchen und wie wir sie organisieren können. Das Gute ist: Wir diskutieren nicht mehr, ob wir uns auf den Weg zur inklusiven Schule begeben sollen, sondern wie wir ihn gestalten. Das Bildungsministerium hat zehn Maßnahmen zur Unterstützung der Schulen vorgeschlagen. Diese Maßnahmen müssen teilweise noch konzeptionell unterfüttert werden, derzeit läuft ein vom Bildungsausschuss des Landtags initiiertes Anhörungsverfahren.

1. Schulen werden durch eine zusätzliche schulische Assistenz gestärkt
Es wird, beginnend mit den Grundschulen, eine Schulische Assistenz aufgebaut. Damit wird vor allem diese Schulart mit ihrem sehr heterogenen Schülerspektrum gestärkt und die Schülerinnen und Schüler von Anfang unterstützt. Für diese Aufgabe werden ab 2015 jährlich 13,2 Mio. Euro für rund 314 schulische Assistenzstellen zur Verfügung gestellt werden. Mittelfristig ist vorgesehen, die übrigen Schularten in gleicher Weise zu unterstützen. Neue Stellen im Landesdienst können für die Schulbegleitung nicht ausgewiesen werden, weil das Land sich gegenüber dem Stabilitätsrat zu einem Stellenabbaupfad verpflichten musste. Geeignete Trägerstrukturen werden dieser Tage vom Land und den kommunalen Spitzenverbänden diskutiert. Schulische Assistenten sollen möglichst unbefristet eingestellt werden und über eine Qualifikation verfügen, die sie dazu befähigt, sich wirksam an der innerschulischen Förderung junger Menschen zu beteiligen. Dazu wird das Land auch Ausbildungsmodule vorhalten.

2. Der Einsatz der Sonderpädagogen wird verlässlicher gestaltet
Wenn Schülerinnen und Schüler inklusiv beschult werden, erhalten sie grundsätzlich Unterstützung durch sonderpädagogische Lehrkräfte. Die Verteilung dieser Sonderpädagogen auf die allgemein bildenden Schulen soll künftig transparenter gestaltet werden. Darüber hinaus sollen die Lehrkräfte für Sonderpädagogik insbesondere den größeren Schulen über mehrere Jahre hinweg verlässlich zur Verfügung stehen, um mehr Kontinuität zu gewährleisten. Dazu werden im Schuljahr 2014/15 landesweit geltende Parameter für die Verteilung der Sonderschullehrkräfte entwickelt; sie sollen ab dem Schuljahr 2015/16 angewendet und von regionalen Steuerungsgruppen im kontinuierlichen Dialog begleitet werden.

3. Die Lehrkräfteausbildung wird verbessert
Das Schleswig-Holsteinische Lehrkräftebildungsgesetz schafft seit dem 1. August 2014 die Voraussetzungen dafür, dass Lehrkräfte aller allgemein- und berufsbildenden Schularten künftig im Studium und im Vorbereitungsdienst die pädagogischen und didaktischen Basisqualifikationen für den Umgang mit Heterogenität und Inklusion erwerben und mit den Grundlagen der Förderdiagnostik vertraut gemacht werden. Die Lehrkräfte für Sonderpädagogik, die in Schleswig-Holstein künftig neben zwei sonderpädagogischen Fachrichtungen auch für den Fachunterricht im allgemeinbildenden Bereich ausgebildet werden, können voraussichtlich ab 2022 in den Schuldienst eintreten. Dadurch wird die sonderpädagogische Fachkompetenz in den Kollegien der Schulen deutlich gestärkt.

4. Die Lehrkräfte-Fortbildung wird im Aufgabenbereich Inklusion gestärkt
Die Lehrkräfte, die sich bereits im Landesdienst befinden, sowie diejenigen Lehrkräfte, die in anderen Bundesländern ausgebildet worden sind und in den schleswig-holsteinischen Schuldienst eintreten, sollen die Möglichkeit erhalten, ihre Kompetenzen im Umgang mit Heterogenität und besonderen Förderbedarfen weiter zu entwickeln. Daher wird die Fortbildung der Lehrkräfte im Rahmen der zum Schuljahr 2013/14 begonnenen Fortbildungsinitiative auf das Thema Inklusion in umfassender Weise fokussiert.
5. Die Schulsozialarbeit wird langfristig durch das Land abgesichert
Die bisherige Landesfinanzierung für die Schulsozialarbeit wird fortgesetzt. Zugleich übernimmt das Land in vollem Umfang den Anteil an Mitteln, den bislang der Bund für die Schulsozialarbeit aufgebracht hat. Vorbehaltlich der Zustimmung des Landtages stehen den Kreisen und kreisfreien Städten zur Weiterleitung an die Schulträger ab 2015 regelmäßig 17,7 Millionen Euro pro Jahr zur Verfügung.

6. Förderzentren bleiben erhalten
Förderzentren bleiben flächendeckend als ein bewährtes Unterstützungssystem der inklusiven Beschulung erhalten. Sie werden auch künftig selbst Schülerinnen und Schüler – besonders diejenigen mit einer geistigen oder schweren körperlichen Behinderung – unterrichten. Das gilt auch für die Landesförderzentren. Kinder und Jugendliche mit einem Förderbedarf im Bereich Lernen oder sozial-emotionale Entwicklung werden überwiegend inklusiv beschult, auch weil sie an der allgemeinbildenden Schule eher die Chance auf einen qualifizierten Abschluss haben.

7. Zentren für inklusive Bildung (ZiB)
Aus den größeren Förderzentren, die selbst keine Schülerinnen und Schüler auf Dauer beschulen, soll gemeinsam mit den Schulträgern in jedem Kreis und in jeder kreisfreien Stadt bis zum Ende der Legislaturperiode mindestens ein Standort zu einem ‚Zentrum für inklusive Bildung‘ (ZiB) weiterentwickelt werden. Zu den Aufgaben dieser Zentren wird es unter anderem gehören, zur Entlastung die Kooperation insbesondere mit der Kinder- und Jugendhilfe bzw. Sozialhilfe sowie mit der Schulischen Assistenz und der Schulsozialarbeit zu steuern. Diesen Zentren für inklusive Bildung haben somit eine zentrale Rolle bei der Qualitätsentwicklung von multiprofessionellen Teams, bei der Vermittlung guter Beispiele und bei der Entwicklung innovativer Ansätze. Für diese Aufgabe erhalten sie eigene Fortbildungsbudgets.

8. Der Übergang Schule-Beruf wird verstärkt inklusiv ausgerichtet
Auch die schulische Berufsorientierung wird im Sinne der Inklusion gestaltet: So setzt das neue Handlungskonzept PLuS (Praxis Lebensplanung und Schule) einen Schwerpunkt bei den Schülerinnen und Schülern mit dem Förderschwerpunkt Lernen, die inklusiv beschult werden. Für Jugendliche mit den Förderschwerpunkten autistisches Verhalten, Sehen, Hören, körperliche und motorische sowie geistige Entwicklung werden in Schleswig-Holstein die Programme ‚Initiative Inklusion‘ und ‚Übergang Schule-Beruf‘ (ÜSB) fortgesetzt. Mit Hilfe der Integrationsfachdienste sollen diese jungen Menschen schon früh eine Perspektive für den allgemeinen Ausbildungs- und Arbeitsmarkt erhalten. Ebenso können nun die Schülerinnen und Schüler mit dem Förderschwerpunkt geistige Entwicklung, die neun Jahre lang inklusiv beschult wurden, an den Regionalen Berufsbildungszentren oder den berufsbildenden Schulen im Rahmen eines für sie geeigneten Bildungsganges auf eine berufliche Tätigkeit vorbereitet werden.

9. Mehr Stellen für den Schulpsychologischen Dienst
Bis Ende 2015 soll der Schulpsychologische Dienst auf 32 Stellen nahezu verdoppelt werden. Mit dieser Erhöhung können insbesondere die Aufgabenbereiche Krisenintervention und Lehrergesundheit umfassender als bisher wahrgenommen werden.

10. Entwicklung einer sonderpädagogischen Grundversorgung
Bisher hängt die Zuweisung von Lehrkräften für Sonderpädagogik davon ab, wie viele Schülerinnen und Schüler einer allgemeinbildenden Schule einen sonderpädagogischen Förderbedarf haben. Zukünftig soll die inklusive Schule so aufgestellt sein, dass jedes Kind in seiner Eigenheit wahrgenommen wird und selbstverständlich die ihm angemessene Unterstützung – unabhängig vom Vorliegen eines sonderpädagogischen Förderbedarfs – erhält. Dies wiederum setzt voraus, dass die Schulen grundsätzlich selbst über die notwendige Ausstattung und Multiprofessionalität verfügen, um den Herausforderungen einer inklusiven Schule gerecht zu werden.

 

Erstmals wird deutlich ein Ziel formuliert, auf das alle Maßnahmen ausgerichtet werden können. Das Ziel ist eine Schule, die offen für alle jungen Menschen in ihrer Unterschiedlichkeit ist. Offen für Kinder mit oder ohne körperliche und/oder geistige Behinderungen und sonderpädagogischen Förderbedarf. Offen für Kinder aus Bullerbü und aus der Bronx. Offen für Spezialtalente und Hochbegabte.

Langfristig sollen alle Schulen mit multiprofessionellen Teams und einer sonderpädagogischen Grundversorgung ausgestattet sein. Zukünftig soll die inklusive Schule so aufgestellt sein, dass jedes Kind in seiner Eigenheit wahrgenommen wird und selbstverständlich die ihm angemessene Unterstützung – unabhängig vom Vorliegen eines sonderpädagogischen Förderbedarfs – erhält.

Ein großes Ziel. Wer außer der SPD sollte so etwas umsetzen können?