Schulen brauchen pädagogische Handlungsspielräume

1501 Noten
1501 Noten

Landtagsrede vom 23. Januar 2015 zu Noten in der Grundschule und zum Schriftspracherwerb:

„Das Leben ist grausam, die Wirklichkeit ist hart und im modernen Kampf ums Dasein geht es oft brutal her. Da tut nur die Erziehung ihre Pflicht, welche stählerne Charakter bildet, nicht die, welche marklose, empfindsame, weichliche Menschenwesen in die Welt sendet, die entweder sofort zu Schanden gehen oder erst durch das Leben selbst in schmerzlichster Weise gehämmert und gehärtet werden müssen.“

Das Zitat von Paul Wilhelm von Keppler ist ungefähr 100 Jahre alt, die Grundgedanken finden sich aber noch heute in vielen Bildungsdebatten wieder, auch wenn es um die Vor- und Nachteile von Noten geht. Bei der CDU heißt es heute, unsere Schülerinnen und Schüler „auf die Leistungsanforderungen der modernen Arbeitswelt“ vorzubereiten.

Und es stimmt ja auch, wir leben in einer Welt des „besser, schneller, reicher“.

Und die Schule soll auf dieses Leben vorbereiten. „Nur die Harten kommen in‘ Garten“, hieß das bei meinen Schülerinnen und Schülern.

Aber die Schule soll alle Kinder auf das Leben vorbereiten, auf lebenslanges Lernen, auf die Übernahme von Verantwortung für sich und andere. Alle! Nicht nur die besseren, schnelleren, reicheren. Das ist vielleicht auch der Unterschied zur FDP, der es reicht, 5 Prozent mitzunehmen.

Im Optimalfall hinterfragen diese jungen Menschen sogar den Sinn des „besser, schneller, reicher“.

Es gibt Kinder, denen Noten gut tun, als Bestätigung, als „Tritt in den Hintern“. Und es gibt Kinder, denen die Note die Motivation nimmt, weil 100 Fehler im Diktat genauso eine „Sechs“ sind wie fünfzig Fehler, weil die Eins auch mit noch so viel Fleiß nicht zu erreichen ist.

Nicht alles, was in vergangenen Jahrhunderten für gut befunden wurde, wird auch in späteren Jahrhunderten für gut befunden.  Der Rohrstock verdrängte an deutschen Schulen einst die bis dahin gebräuchlichen Birkenruten als Züchtigungsinstrument. Heute sind beide verschwunden.

Schule hat viel mit Erfahrungen und Mentalitäten zu tun. Jeder von uns ist in einem Schulsystem aufgewachsen, das von der Vergabe von Ziffernoten geprägt war. Es fällt schwer, sich von diesen Erfahrungen zu lösen und Alternativen einzubeziehen. Aber es gibt Bewegung.

Wir alle wurden ab Klasse 1 benotet. Heute diskutieren wir über den Zwang zu Noten ab
Klasse 3.

Am 18. Juni 2014 hat unsere damalige Bildungsministerin Wara Wende die Grundschulverordnung so geändert, dass im Regelfall an den Grundschulen verbale Leistungsberichte erteilt werden, dass es aber der Schulkonferenz frei steht, in Klasse 3 und 4 oder nur in Klasse 4 Notenzeugnisse mit verbaler Ergänzung zu erteilen.

Eine große Mehrzahl der Schulen hat sich entschieden, zum jetzigen Zeitpunkt von der Möglichkeit des Notenzeugnisses ab Klasse 3 oder 4 Gebrauch zu machen.

Für die Freundinnen und Freunde der harten Zahl: 417 zu 65.

Das ist kein Akt des Widerstandes zur Rettung des christlichen Abendlandes, sondern die Umsetzung der pädagogischen Handlungsspielräume, die diese Koalition den Schulen einräumt.

Alle Grundschulen in Schleswig-Holstein durften sich frei entscheiden. Alle haben sich frei entschieden.

Niemand unterstelle der einen Seite einen Hang zu Kuschelpädagogik, es unterstellt ja auch niemand der anderen Seite einen zu schwarzer Pädagogik.

Am Antrag der CDU ist unstrittig, dass Schule etwas mit Leistung zu tun hat. Ich sehe auch nicht, dass das jemals jemand in Zweifel gezogen hätte. Wo man unterschiedlicher Auffassung sein kann, ist, wie erbrachte Leistung zu messen und rückzumelden ist.

Der heute von der CDU vorgelegte Antrag 18/2629 hat im letzten Jahr als gemeinsamer CDU/FDP-Antrag 18/2257 schon einmal das Licht der Welt erblickt. Der Landtag hat ausgiebig debattiert und entschieden. Unter anderem wurde die Landesregierung gebeten, auf Grundlage einer geeigneten Evaluation standardisierte Vorgaben für die Entwicklung von an Kompetenzen orientierten Entwicklungsberichten zu entwickeln (18/2328). Das passiert, bis Sommer rechnen wir mit Ergebnissen.

Und mit der pädagogische Eigenverantwortung der Schulen treiben wir es sogar noch ein Stück weiter: Wir wollen nicht einzelne didaktische Methoden durch Landtagsbeschluss  untersagen. Und wir unterstellen, anders als CDU und FDP, keiner Lehrkraft in Schleswig-Holstein, Schülerinnen und Schülern bewusst zu schaden.

Schule ist kein Zustand, Schule ist ein Prozess.

Und deswegen bin ich mir sicher, dass in nicht allzu ferner Zukunft immer mehr Schulen für die Schulnoten das gelten lassen werden, was in Artikel 5 des Grundgesetzes steht: „Eine Zensur findet nicht statt.“

 

Video – Noten in der Grundschule:
http://m7k.ltsh.de/embed.php?b=1422025984&e=1422026314%22