Rückenwind für die Bildungspolitik

Foto: Martin Habersaat und Britta Ernst am Rande einer Landtagssitzung in Kiel
Foto: Martin Habersaat und Britta Ernst am Rande einer Landtagssitzung in Kiel

Schleswig-Holsteins Neuntklässler gehören zu den besten in Deutschland:

Wenn Bildungsforscher Ulrich Trautwein im Spiegel (44/2016, S.48f.) die Schulaufsicht in Schleswig-Holstein und den Masterstudiengang für angehende Schulleiterinnen und Schulleiter an der Universität Kiel lobt, wenn die Landesregierung eine Regierungserklärung von Bildungsministerin Britta Ernst zu Erfolgen in der Bildungspolitik anmeldet – dann muss schon etwas besonderes passiert sein. Und dem ist auch so, freut sich Martin Habersaat, Landtagsabgeordneter aus Reinbek und bildungspolitischer Sprecher der SPD-Landtagsfraktion:  Beim Bildungstrend 2015 des Berliner Instituts für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) gehörten Schleswig-Holsteins Schülerinnen und Schüler der neunten Klassen zu den Besten in Deutschland. Sie haben enorm aufgeholt in den vergangenen Jahren. Vor allem in Englisch, aber auch in Deutsch hat die jüngste IQB-Studie einen deutlichen Lernzuwachs festgestellt.

Das IQB untersucht alle drei Jahre die Leistungsstände von 14- und 15jährigen Schülerinnen und Schülern in den Hauptfächern, so dass sich auch Entwicklungen über die Jahre aufzeigen lassen. Mehr als 37.000 Schülerinnen und Schüler an 1700 Schulen legten den vierstündigen Test ab. Martin Habersaat: „Dabei geht es um Kompetenzen. Es wird kein Faktenwissen abgefragt, sondern es werden Lese- und Hörverstehen getestet, in Deutsch zudem die Rechtschreibung.“ Bei der Leseleistung in Deutsch belegt Schleswig-Holstein nach Sachsen den zweiten Platz, bei der Rechtschreibung nach Bayern und Sachsen den dritten. Auch wenn man die Mittelwerte aller getesteten Kompetenzen betrachtet, gehören die Neuntklässler in Schleswig-Holstein zur Spitzengruppe der jeweils drei besten Bundesländer. Bemerkenswert sind die Zuwächse seit 2009. Der Anteil der Schülerinnen und Schüler, die gut abschneiden, liegt in nahezu allen Bereichen über dem Durchschnitt, die Zahl der „Risikoschüler“ mit besonders schwachen Leistungen ist gesunken, für Britta Ernst ein „wesentlicher Beitrag zu mehr Bildungsgerechtigkeit“. Erfreulich sei auch, dass sich die Schülerinnen und Schüler in Schleswig-Holstein an ihren Schulen wohl fühlen. Die Aussagen „In dieser Schule finde ich leicht neue Freundinnen und Freunde“ und „Ich bin zufrieden mit meiner Schule“ stoßen bei ihnen auf breite Zustimmung.

„Das Ergebnis der IQB-Studie ist eine gute Nachricht und ein Grund zur Freude für alle, die an Schule beteiligt sind und die dazu beigetragen haben“, freute sich Britta Ernst. Es sei eine Bestätigung für die gute und engagierte Arbeit der Lehrkräfte und Schulleitungen, aber auch eine Bestätigung für gute Bildungspolitik, für gute Arbeit des Bildungsministeriums und für gute Aus- und Fortbildungen des Instituts für Qualitätsentwicklung an Schulen Schleswig-Holstein (IQSH). Martin Habersaat nennt Gründe aus der Bildungspolitik der vergangenen Jahre: „Mit der Einführung von Gemeinschaftsschulen als einziger weiterführender Schulform neben den Gymnasien, in späteren Jahrgängen ergänzt um die beruflichen Schulen, ist unser Bildungssystem durchlässiger und gerechter geworden. Diese Schulstruktur wurde im Dialog mit allen Akteuren zu Beginn der Wahlperiode bestätigt. Nachdem viel zu lange über das richtige Schulsystem gestritten wurde, herrscht seit einigen Jahren die notwendige Ruhe, um sich auf die Schul- und Unterrichtsqualität zu konzentrieren.“ Auch die Abkehr des von CDU und FDP beschlossenen Stellenabbaus an den Schulen sei ein wichtiger Schritt gewesen. Britta Ernst: „Wir wollen allen Schulen Lehrkräfte für eine 100%ige Unterrichtsversorgung zur Verfügung stellen. Das haben wir bei den allgemeinbildenden Schulen schon fast geschafft.“

Dennoch bleibt noch einiges zu tun, einige Punkte zählte Britta Ernst in ihrer Regierungserklärung auf: Die Ausgangslage im Elternhaus hat noch zu großen Einfluss auf die erreichten Leistungen, der  Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und erreichter Kompetenz ist auch im Jahr 2015 noch zu eng. Die Leistungen der Mädchen sind deutlich besser als die der Jungen. In Schleswig-Holstein sind die Geschlechterunterschiede in Orthografie um etwa ein Schuljahr größer als im bundesdeutschen Schnitt. Die Leistungen von Schülerinnen und Schülern mit Zuwanderungshintergrund liegen hinter denen ohne Zuwanderungshintergrund. Ein differenzierter Blick lohnt sich hier allerdings, denn in Englisch sind die Leistungsunterschiede zwischen den Gruppen deutlich geringer. Schülerinnen und Schüler erreichen bessere Leistungen, wenn die Lehrkräfte die Fächer unterrichten, die sie auch studiert haben.

Seit der Veröffentlichung der ersten PISA-Studie Deutschland 2001 seien Erkenntnisse der Wissenschaft in die Bildungspolitik eingeflossen, sagt Habersaat, der bis zu seinem Einzug in den Landtag selbst Gymnasiallehrer war. Von einer „empirischen Wende“ ist oft die Rede, die Gründung des IQB beispielsweise sei eine Reaktion auf den „PISA-Schock“ gewesen. Britta Ernst: „Zahlreiche empirische, faktenbasierte Studien helfen uns heute dabei, einen klaren Blick auf das Schulsystem zu werfen und auf dieser Grundlage richtige Entscheidungen zu treffen – und vielleicht auch den einen oder anderen Streit zu entschärfen.“

Foto: Martin Habersaat und Britta Ernst am Rande einer Landtagssitzung in Kiel