Begabte Schülerinnen  und Schüler fordern

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Mathematik muss so weiterentwickelt werden, dass es die Schüler*innen erreicht und ihnen die erforderlichen Kompetenzen vermittelt

„In „Schule aktuell“, dem Mitteilungsblatt des Bildungsministeriums, wurde im März 2019 gefeiert: „So viele Stellen für Schulen wie noch nie“. Mehr gab es für die Grundschulen – 40 Stellen für eine zusätzliche Unterrichtsstunde in Klasse 2. Mehr auch für die Förderzentren – 70 Stellen für Inklusion. Berufsbildende Schulen – 23 Stellen. Gymnasien – 94 Stellen für die Wiedereinführung von G9, das dort zunächst eigentlich weniger Stellen erforderlich macht.
Und 24 Stellen für den DaZ-Bereich. Ich habe diese Zahlen als Einstieg gewählt, weil sie drei Fehler der Landesregierung verdeutlichen:
– Erstens: Die Gemeinschaftsschulen tauchen bei Ihnen nicht auf.
– Zweitens: Der Glaube, mehr zu erteilende Stunden seien ein vielversprechender Ansatz, um unsere Schulen besser zu machen.
– Drittens: Die Abkehr von einem umfassenden Inklusionsbegriff, der z. B. auch begabte Schülerinnen und Schüler umfasst.

Ihre Vernachlässigung der Schulart Gemeinschaftsschule wird nicht nur deutlich beim Blick auf diese Jubelmeldung. Er zeigt sich auch beim in ihrem „Konzept zur Begabtenförderung in Schleswig-Holstein“. Das wurde als Umdruck 19/1726 übrigens am 3. Dezember 2018 dem Bildungsausschuss zugeleitet und von den Jamaika-Fraktionen bis heute ignoriert. Sie werden wissen, warum.
Etwa 2 Prozent aller Schülerinnen gelten als hochbegabt, 20 Prozent als besonders leistungsstark. Um sie alle geht es. Und um sie zu fördern, hat die Landesregierung sich etwas ausgedacht: 25 zusätzliche Stellen. Zwei davon für das IQSH, für die Fortbildung von Lehrerinnen und Lehrern. Und 23 sollen – tata – den Gymnasien zugutekommen. Dort sollen sie Schülerinnen und Schüler unterstützen, die trotz der flächendeckenden Rückkehr zu G9 ihr Abitur doch lieber in acht Jahren absolvieren wollen.
Ein erster Blick ins Land zeigt: Die Zahl dieser Schülerinnen und Schüler ist überschaubar, und die Ideen der Gymnasien, diese zusätzliche Ressource einzusetzen, vielfältig. Eine solche Konzentration auf die Gymnasien entspricht nicht der Verteilung begabter Schülerinnen und Schüler in Schleswig-Holstein 2019. Und es entspricht auch nicht dem Schulsystem 2019 – wenngleich uns natürlich klar ist, dass sie die Schraube hier ja zurück in die Vergangenheit drehen wollen. Es gäbe mit den Kompetenzzentren für Begabtenförderung und den SHiB- Schulen eine bestehende Struktur, auf die aufgebaut werden könnte und zu der auch Gemeinschaftsschulen und Grundschulen gehören. Allerdings: Diese Struktur schrumpft.
Und was bleibt für die Gemeinschaftsschulen? Antwort der Ministerin: der Bildungsbonus. Nur hat der ja eine ganz andere Stoßrichtung. Er soll Nachteile ausgleichen, die Schulen in problematischen Lagen beziehungsweise mit einer Schülerschaft, die überwiegend aus bildungsfernen Schichten kommen, nun einmal strukturell haben.
Das ist nicht das Bild von gleichberechtigten Säulen im Schulsystem, das ist das Bild von einer Säule mit den Gemeinschaftsschulen und den Beruflichen Schulen als Auffangbecken.
In fünf Minuten über Begabung, die Förderung des Unterrichts in den MINT-Fächern und über die Weiterentwicklung des Mathematik-Unterrichts zu reden, ist wie Dreikampf in fünf Minuten. Das wird sich bei den Olympischen Spielen auch nicht durchsetzen. Bleibt wenig Zeit für den zweiten Fehler. Es reicht nicht einmal, um gebührend an das ESA- und MSA-Mathe-Debakel im letzten Jahr zu erinnern. Mehr zu unterrichtende Stunden = bessere Schule.
In den zweiten Klassen jazzen Sie die Zahl der zu unterrichtenden Stunden hoch, obwohl ein Blick auf die Qualität der unterrichteten Stunden angezeigt wäre. Und auch beim
Mathematikunterricht findet sich der Gedanke: „mehr Stunden = mehr Mathe“ in den Herzen und Köpfen. Jetzt mal kurz nachgedacht: Wenn Schülerinnen und Schüler nach fünf Wochenstunden Mathematik nicht mitkommen und das Fach am liebsten abwählen wollen – bei wie vielen von denen wird dann eine sechste Wochenstunde den ersehnten Durchbruch bringen? Wir müssen uns über anderen MINT-Unterricht Gedanken machen, wir müssen Wissensgebiete vernetzen und die Schülerinnen und Schüler durch Lebensweltbezug abholen. Wir müssen die Möglichkeiten der digitalen Welt nutzbar machen.
Die Mathematik-Didaktik muss so weiterentwickelt werden, dass sie die Schüler erreicht und ihnen die erforderlichen Kompetenzen vermittelt. Und was diese nötigen Kompetenzen sind, muss ebenfalls in der Diskussion bleiben. Noch immer gibt es zu viele Lehrveranstaltungen an den Hochschulen, in denen angehende Lehrerinnen und Lehrer gerne gesehen sind, weil sie den Saal füllen. Methodische und didaktische Fragen an das Fach nehmen aber bestenfalls hintere Plätze ein. Es gibt Bewegung auf diesem Feld. Die Kinematik könnte uns diese Bewegung beschreiben. Bei der Dynamik sehe ich noch Optimierungspotentiale.“