Chancengerechtigkeit nur mit Ganztagsschulen

„Die Erziehungswissenschaftlerin Anne Sliwka nennt drei Ziele von Schule: die Chancengerechtigkeit für alle, die Exzellenz, also das Heranführen von möglichst vielen Schülerinnen und Schülern an die Leistungsspitze, und das Wohlbefinden, also eine Schule, in die die Kinder und Jugendlichen gern gehen. Niemand wird behaupten wollen, dass wir dieses Leitbild heute flächendeckend verwirklicht hätten. Vor 20 Jahren hat Schleswig-Holstein damit angefangen, Ganztagsschulen einzurichten, also – Schulen, die sich den ganzen Tag um die ihnen anvertrauten Kinder kümmern können, – Schulen, an denen die Lehrkräfte nicht um 13 Uhr nach Hause gehen und das Schulgebäude und die Kinder für den Rest des Tages sich selbst überlassen, – Schulen, deren Rhythmus an die Bedürfnisse der Kinder angepasst ist und nicht an einen starren 45- Minuten-Takt, – Schulen, in denen auch gemeinsames Kochen und gemeinsames Essen stattfinden können, weil einfach Zeit dafür ist, – Schulen, in denen man jahrgangsübergreifend mehr Zeit hat füreinander, – ja, sogar Schulen, in denen Kindern lernen konnten, sich die Schnürsenkel zuzubinden, wenn sie es bis dahin noch nicht konnten.
Mit einem FDP-Bildungsminister kam dieser Ganztagsausbau zum Erliegen. Das hatte nicht ausschließlich ideologische Gründe; ich will einräumen, dass es auch Zeiten waren, in denen es schwerer war, die dafür nun einmal erforderlichen Mittel zu mobilisieren. Plötzlich sollte es wieder Sache der Eltern sein, sich um ihre Kinder zu kümmern, und das ist es ja grundsätzlich auch. Aber natürlich haben wir als Gesellschaft auch eine Verantwortung. Wollen wir, dass unsere Kinder in der Schule gegeneinander antreten und nur die weiter kommen, denen zuhause am besten geholfen werden kann? Dass die Möglichkeit, Geld in Nachhilfe zu investieren, darüber entscheidet, ob es später mal für den gewünschten Ausbildungs- oder Studienplatz reicht? Wollen wir, dass die einen Kinder montags zum Klavierunterricht, dienstags zum Tennis und mittwochs zur Reitstunde gefahren werden, während die anderen nachmittags nichts mit sich anzufangen wissen und zuhause vielleicht nicht einmal ins Internet kommen, um die neue Lernplattform der Schule zu benutzen? Die Entscheidung der Großen Koalition in Berlin, in den nächsten Jahren einen Rechtsanspruch für Ganztagsbetreuung für Grundschulkinder einzuführen, bietet uns eine große Chance: Wir können heute über die Schule der Zukunft reden und bekommen Hilfe bei der Finanzierung der dazu notwendigen Investitionen. Wir können erreichen, dass Lehrerinnen und Lehrer nicht sagen, „wir haben eine Ganztagsschule“ und damit die Hausaufgabenhilfe und den Schachkurs am Nachmittag meinen. Wir können erreichen, dass es heißt, „wir sind eine Ganztagsschule“, in der Menschen sich anders als nur im 45-Minuten-Takt begegnen, in der Leben und Lernen ihren Platz finden und in der alle Kinder ihre Chancen finden. Das muss nicht jeden Tag von 8 bis 16 Uhr sein. Das kann ein gemeinsames Frühstück ebenso beinhalten
wie ein gemeinsames Mittagessen. Das kann zunächst einmal für Pilotklassen gelten, die diese Schule der Zukunft ausprobieren. Wir haben die Chance, fernab von jeder Schulsystemdebatte, unseren Schulen dabei zu helfen, sich im Interesse aller Kinder, die ihnen anvertraut sind, weiter zu entwickeln. Nutzen wir sie! Die Koalition hat unserem Antrag einen ihrer „Was-die-Landesregierung-tut-ist-wohlgetan-aber-der-Bund-soll’s-bezahlen“-Texte entgegengesetzt. Meinetwegen, aber die Diskussion über die Schule von morgen werden Sie damit nicht auf die Dauer bestreiten können.“