Beim Brainstorming zur Social Innovation-Strategie ins Mainoffice gevomitted?

„Mit der “Social Entrepreneurship” ist das so eine Sache. Genau weiß niemand, wovon da eigentlich die Rede ist. Deshalb stellen CDU, Grüne und FDP ihrem Antrag eine Erklärung voran: Es gehe darum, die großen gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit mit sozial- unternehmerischen Geschäftsmodellen zu bewältigen. Ich will mal versuchen, diese Definition in die Praxis zu übersetzen:

Versuch 1 Die Herausforderung unserer Zeit ist eine Pandemie. Die Gesellschaft braucht Schutzmasken. Nikolas Löbel und Georg Nüsslein entwickeln ein Geschäftsmodell, um diese Herausforderung zu bewältigen. Ist das Social Entrepreneurship? Nein, das ist asozial.

Versuch 2 Die Herausforderung unserer Zeit ist eine immer komplexer werdende Welt, die immer mehr Wissen anhäuft. Die Gesellschaft braucht Orientierung. Nun kommt ein Unternehmen, dessen Ziel es ist, „die Informationen der Welt zu organisieren und allgemein zugänglich und nutzbar zu machen.“ Ist das Social Entrepreneurship? Nein, das ist Google.

Beispiel 3 Sozialdemokratische Bildungsreformen haben es ermöglicht, dass immer mehr junge Menschen studieren können. Auch Kindern von Nicht-Akademikern steht der Weg zu Abitur und Hochschule offen. Allerdings fehlt diesen die Netzwerkstruktur der anderen, oft sind sie die ersten in ihrer Familie, die sich an einer Universität zurechtfinden müssen. Ein Unternehmen ermutigt diese jungen Menschen auf ihrem Weg und organisiert ehrenamtliche Unterstützung.

Ist das Social Entrepreneurship? Ja. Zu finden bei Arbeiterkind.de. Es muss um Lösungen für soziale Probleme und einen positiven Wandel der Gesellschaft gehen bei gebremsten Gewinnerwartungen. Allerdings reicht der gute Zweck allein nicht zur Abgrenzung. Unternehmen der Sozialwirtschaft zum Beispiel müsse man anders betrachten, schreibt die Landesregierung in ihrer Antwort auf die Kleine Anfrage meiner Kollegin Özlem Ünsal. AWO und DRK fallen offenbar nicht darunter, findet die Landesregierung. Die Bundesregierung stellt auf soziale Organisationen ab, die von Personen aus ihrem individuellen bürgerlichen Engagement heraus gegründet werden, um gesellschaftliche Herausforderungen mit innovativen und unternehmerischen Herangehensweisen zu lösen. Waren Marie Juchacz und Henry Dunant also vielleicht doch Social Entrepreneurs? Jamaika will sozial engagierte Unternehmen und Innovationen. Das ist gut. Eine Social Innovation-Strategie ersetzt aber niemals die Notwendigkeit, sich für einen starken Sozialstaat einzusetzen. Und sie macht auch nicht vergessen, dass Sie es waren, die die Mietpreisbremse und das Tariftreue- und Vergabegesetz abgeschafft haben. Es wäre ein Irrtum anzunehmen, dass die Mehrheit der Menschen auf einen funktionierenden Sozialstaat verzichten könne, wenn Social Entrepreneurs an seine Stelle träten. Gerade in dieser pandemischen Zeit erweist es sich als Glücksfall, dass die SPD sich selbst als kleinere Regierungspartei erfolgreich dagegen gewehrt hat, den Sozialstaat weiter zu schleifen und stattdessen kräftige Investitionen in die soziale Absicherung der von den Auswirkungen der Corona-Pandemie gebeutelten Menschen durchgesetzt hat. Privat vor Staat war noch nie eine Perspektive für die Mehrheit der Menschen, Solidarität schon. Wir wollen junge Menschen, die Verantwortung für sich und andere übernehmen. Menschen wollen etwas Sinnvolles tun. Das mag zu Social Entrepreneurship ermutigen. Aber eine Lehrerin oder ein Krankenpfleger tun auch etwas Sinnvolles und übernehmen Verantwortung. Wir wollen auch junge Menschen, die Sprachhülsen erkennen. Sonst kann man übergangslos von Landtagsanträgen zu Satiretexten wechseln. Das folgende Zitat teilen sich Jamaika und Mark Uwe Kling: „Haben Sie ihre Human Resources schon upgedated, dass sie wegen den Shareholders outgesourced und lohngedumpt werden? Danach bitte unter Einbindung relevanter Stakeholder eine Strategie von Social Innovation und Social Entrepreneurship entwickeln. Und der Senior Assistant Manager Direktor soll bitte den Head of Saubermaching Briefen, dass ich beim Brainstorming ins Mainoffice gevomitted habe.“