Jetzt liegt das ganze Gutachten zum Schienenverkehr vor

S21

Besserer S-Bahn-Takt wird nicht von allein kommen:

Die S21 zwischen Aumühle und Quickborn im 10-Minutentakt – in einem Gutachten zur Optimierung des Schienenverkehrs in Schleswig-Holstein wird dieser Wunsch schon einmal zum „Planfall“. Bis tatsächlich zusätzliche Züge fahren, ist es aber noch ein weiter Weg. Nachdem die Ingenieurgesellschaft für Verkehrs- und Eisenbahnwesen aus Hannover dem Verkehrsausschuss des Landtags zunächst nur eine Zusammenfassung des Gutachtens vorgestellt hatte, sind jetzt alle 140 Seiten öffentlich. Martin Habersaat, Landtagsabgeordneter aus Reinbek, hat sie gelesen. Er fasst zusammen: „Ein besserer S-Bahn-Takt für Reinbek, Wohltorf und Aumühle, eine Bahnverbindung zwischen Geesthacht und Bergerdorf, ein zweispuriger Ausbau der Bahnverbindung zwischen Bad Oldesloe und Neumünster – es sind wichtige Projekte für unsere Region enthalten. Welche der darin untersuchten Planfälle wann umgesetzt werden, bleibt aber eine politische Entscheidung. Nichts passiert von allein. Es ist wichtig, dass wir alle an diesen Themen dranbleiben. Bisher hat der Schienenverkehr in Schleswig-Holstein nur einen Verkehrsanteil von rund sieben Prozent und liegt damit unter dem deutschen Durchschnitt.“

Mit einer Vorabprüfung hat das Verkehrsministerium nun die NAH.SH beauftragt. Diese organsiert im Auftrag des Landes als Aufgabenträger den Schienenpersonennahverkehr (SPNV). Es lohne aber auch ein eigener Blick, mahnt Habersaat. „Die NAH.SH hat sich in der Vergangenheit auch schon gemeinsam mit der Landesregierung dafür stark gemacht, dass der HVV die Preise für alle erhöht, die in Aumühle oder Wohltorf in die S-Bahn einsteigen. Wir werden sehen, wie der Blick von Kiel auf die Metropolregion dieses Mal ausfällt. Gerade Stormarn gehört bis 2035 zu den wachstumsstärkeren Regionen.“ Wie aus dem Gutachten hervorgeht, muss ein Angebot in Stormarn 243.700 Einwohner:innen erreichen. 114.900 Arbeitsplätze gibt es im Kreis. Im Kreis Herzogtum Lauenburg sind es 195.200 Einwohner:innen und 70.400 Arbeitsplätze (Schleswig-Holstein: 2.898.100 / 1.400.500). Parallel arbeitet das Wirtschafts- und Verkehrsministerium am Entwurf eines eigentlich seit 2018 fälligen landesweiten Nahverkehrsplans, der nach der Sommerpause 2021 nun vorgelegt werden soll. „Was da nicht drinsteht, wird in den nächsten fünf Jahren kaum passieren“, sagt Habersaat voraus.

Die Gutachter haben feststehende Entwicklungen im SPNV bis 2035 („Prognose-Nullfall“, dazu gehört beispielsweise die neue S4 von Hamburg nach Ahrensburg und Bad Oldesloe) mit möglichen weiteren Verbesserungen verglichen („Prognose-Planfall“). Ziel war dabei, die Konkurrenzsituation des Schienenverkehrs zum Straßenverkehr zu verbessern. Dabei konnten die Gutachter zeigen, dass deutliche Steigerungen der Fahrgastzahlen möglich sind – allerdings zunächst nicht pro einzelner Maßnahme, sondern für die Summe aller Planfälle an einem mittleren Werktag außerhalb der Schulferien. Habersaat: „Dabei wurde auch die Notwendigkeit verlässlicher Anbindungen bedacht – gerade bei der S21 ein wichtiges Thema.“ Im Gutachten findet sich dazu der folgende Absatz: „Die Pünktlichkeit der S-Bahn Hamburg lag 2020 mit 93,9 Prozent nur 0,1 Prozent unter dem mit dem Hamburger Verkehrsverbund (HVV) vereinbarten Jahresziel. Eine Anfahrt der S-Bahn Hamburg gilt laut Verkehrsvertrag als pünktlich, wenn die planmäßige Ankunftszeit um weniger als drei Minuten überschritten wird. 2019 wurde mit 92,4% die geringste Pünktlichkeit innerhalb der letzten 10 Jahre erreicht. Deutlich unter 90% Pünktlichkeit lag die Linie S21. Gründe hierfür waren u.a. notwendige Brückensanierungen, die mehrere Monate dauerten und eine Langsamfahrstelle erforderten und der Einsatz von neuen Fahrzeugen der Baureihe 490. Einerseits wiesen die Fahrzeuge sogenannte „Kinderkrankheiten“ auf, die vom Hersteller abgestellt wurden, andererseits führten insbesondere neue gesetzliche Vorgaben zur Überwachung in den Türbereichen zu häufigen Störungen. Ein Schließen der Türen ist nur noch möglich, wenn sich keine Fahrgäste im Bereich der Lichtschranken befinden, die den Türbereich überwachen. Hierzu wurden umfangreiche Informationskampanien durchgeführt, sodass die Kunden der S-Bahn mit den neuen Regelungen inzwischen vertraut sind.“ Zu diesen Themen hatte Martin Habersaat 2019 bereits den S-Bahn-Chef Kay Uwe Arnecke und den Vorsitzenden des Hamburger Verkehrsausschusses, Ole Thorben Buschhüter, nach Reinbek eingeladen.

Hintergrund:

Die S-Bahn Hamburg wurde seit 1907 als städtisches Schnellbahnsystem in mehreren Stufen entwickelt. 1954 wurde mit dem Endpunkt Wedel erstmals eine Strecke nach Schleswig-Holstein verlängert. 1967 wurde Pinneberg an das S-Bahnnetz angeschlossen, 1969 dann die Strecke nach Aumühle. Sie bedient aktuell auf einem Streckennetz von circa 144 Kilometern 69 Stationen, davon befinden sich 54 in Hamburg, 8 in Schleswig-Holstein und 7 in Niedersachsen. Auf dem Netz verkehren derzeit sechs Linien mit einer Angebotslänge von rund 240 Kilometern. Drei Linien haben ihren Start- bzw. Zielpunkt in Schleswig-Holstein. Die Linie S1 verbindet Wedel mit Hamburg-Poppenbüttel bzw. dem Airport Hamburg. Nur die Station Wedel liegt in Schleswig-Holstein, die Streckenlänge der S1 beträgt knapp 44 Kilometer, davon knapp 3 Kilometer in Schleswig-Holstein. Die Linie S21 verbindet Hamburg-Elbgaustraße mit Aumühle, die Streckenlänge beträgt knapp 37 Kilometer. Auf dem östlichen Streckenende in Schleswig-Holstein mit knapp 8 Kilometern liegen die Stationen Reinbek, Wohltorf und Aumühle. Die Linie S3 mit einer Länge von 76,2 Kilometern verbindet Pinneberg mit Stade. Der Streckenast mit Pinneberg, Thesdorf, Halstenbek und Krupunder liegt ist Schleswig-Holstein und ist ca. 6,5 Kilometer lang. Die Linie S4 Ost nutzt die Infrastruktur der S-Bahn Hamburg von Altona bis Hasselbrook, erhält anschließend eine eigene Infrastruktur bis Ahrensburg-Gartenholz und wird dann auf der vorhandenen Infrastruktur nach Bargteheide und Bad Oldesloe fahren. Die S4 Ost ersetzt die heutige Regionalbahn RB 81. Sie bietet dichtere Takte und wird direkt in die Innenstadt durchgebunden. Gleichzeitig entlastet sie durch die wegfallenden RB-Halte den Hamburger Hauptbahnhof und ermöglicht so, die Betriebsstabilität zu erhöhen und andere Züge bis zum Hauptbahnhof durchzubinden

Links:

Gutachten – Optimierung des Schienenverkehrs in Schleswig-Holstein

HVV: Landesregierung wollte höhere Preise

Kay Uwe Arnecke in Reinbek