Mündige Entrepreneure?

„Der Auftrag der Schule wird bestimmt durch das Recht des jungen Menschen auf eine seiner Begabung, seinen Fähigkeiten und seiner Neigung entsprechende Förderung und Ausbildung, durch das Recht der Eltern auf eine Schulbildung ihres Kindes sowie durch die staatliche Aufgabe, die einzelne Schülerin und den einzelnen Schüler auf ihre Stellung als Bürgerin und Bürger mit den entsprechenden Rechten und Pflichten vorzubereiten.“ (Schulgesetz § 4(1))

So lautet das erste pädagogische Ziel unseres Schulgesetzes. Wir wollen mündige Staatsbürgerinnen und -bürger heranbilden. Das im Landeskonzept zu Entrepreneurship Education an den Schulen zitierte Leitbild ist „der oder die mündige Entrepreneur(in)“.

Ein bisschen Schlucken musste ich da schon. „Unternehmen möchten Persönlichkeiten haben, die eigenverantwortlich sind“, heißt es im Konzept an anderer Stelle. Also liefern wir die, denn die Aufgabe des Staates ist es ja, den Unternehmen die benötigten Human Ressources in der gewünschten Ausfertigung zuzuführen. Nein, ist es nicht. Und nein, wir passen die Schulen nicht regelmäßig an die Wünsche des Marktes an.

Aber keine Sorge, ich bleibe nicht so negativ: Die Welt hat sich verändert. Wir müssen weg von der Schule der Industriegesellschaft hin zur Schule der Wissensgesellschaft. Wir wollen Mündigkeit, Eigenverantwortung und Solidarität. In unserem Schulgesetz ist das Ziel so beschrieben: „Die Schule soll dem jungen Menschen zu der Fähigkeit verhelfen, in einer ständig sich wandelnden Welt ein erfülltes Leben zu führen. Sie soll dazu befähigen, Verantwortung im privaten, familiären und öffentlichen Leben zu übernehmen und für sich und andere Leistungen zu erbringen, insbesondere auch in Form von ehrenamtlichem Engagement.“  (Schulgesetz §4 (4). Da sind die staatlich definierten Interessen und die der Unternehmen offenbar in großen Teilen deckungsgleich. Und wenn Entrepreneurship Education eine Methode ist, um Kreativität und Eigeninitiative zu fördern und wenn sie ein Weg ist, Schulen auf dem Weg der Schulentwicklung mit neuem Schwung zu versehen, kann man diesen Weg gehen. Nun haben Sie unter wir-unternehmen-was.sh eine Webseite eingerichtet für, Zitat: „Das spannendste Unternehmen, seit es Schule gibt.“ Wer dort freudig auf „Aktuelles“ klickt, findet eine Rede der Bildungsministerin aus dem November 2020. Ich räume ein, dass vermutlich nach dem heutigen Tag der zweite Eintrag erfolgen wird. Unter „Veranstaltungen“ sind „besonders attraktive Termine in einer Übersicht zusammengestellt. Bestimmt ist auch etwas Interessantes für Sie dabei“. Das glaube ich allerdings nicht. Diese Liste ist am heutigen Tage leer. Selbstverständlich steht der Start des ganzen Projekts unter einem schlechten Stern, weil Veranstaltungen und Aktivitäten eben nicht im gewohnten Rahmen stattfinden können, sondern nur online oder gar nicht. Was bisher in diesem Bereich geschehen ist, ist unter diesen Umständen nicht mehr als ein Anfang. Es ist zu früh zu bewerten, ob das Landeskonzept Entrepreneurship Education ein Erfolg ist oder eine Seifenblase. Das gibt uns vielleicht die Gelegenheit, dem jungen Projekt noch zwei, drei  grundsätzliche Überlegungen mit auf den Weg zu geben:

•           Auch ich habe die StartUp-Kultur im Silicon Valley aus eigener Anschauung kennenlernen dürfen. Ich habe die Idee der vorigen Landesregierung unterstützt, ein Kontaktbüro für Unternehmen aus Schleswig-Holstein in San Francisco einzurichten und begrüße es, dass Sie dieses Projekt fortgeführt haben. Ich war jedoch wenig angetan von der dortigen Kultur des Hire and Fire und habe in den Unternehmen, die wir besucht haben, mit Ausnahme einiger Geschäftsführer keine Menschen über 40 gesehen.

•           Natürlich ist es aufregend, am Arbeitsplatz vom Sternekoch verpflegt zu werden und auf dem Firmencampus Sport treiben, Fortbildungen absolvieren und sogar übernachten zu können. Man könnte teilweise aber schon fragen, wer außer dem Entrepreneur dort noch mündig war.

•           84 Prozent aller deutschen Startups hatten im vergangenen Jahr keine Frau im Führungsteam. Es bringt nichts, gestern über Gender Budgeting zu sprechen und heute das nächste „Männerding“ zu starten.

Wir müssten uns also schon bemühen, im Echten Norden mit unserer Entrepreneurship Education eine eigene StartUp-Kultur zu entwickeln, womit wir vielleicht wieder bei der Social Entrepreneurship wären.“