Schulen brauchen Unterstützung über den Tag hinaus

„Plötzlich fehlt vielen Schülerinnen und Schülern die Tagesstruktur, weil sie nicht in die Schule gehen dürfen und Distanzangebote nicht regelmäßig angeboten werden. So richtig genießen kann man das ein paar Wochen, aber nicht Monate. Das Umfeld bricht weg, man trifft seine Freunde nicht mehr im gewohnten Umfang. Es ist leichter als sonst, sich ganz aus dem Schulgeschehen herauszuziehen. Wer den Schulbesuch schwänzt, kriegt eher Ärger als jemand, der sich vor dem Distanzunterricht drückt. Abends kann man auch etwas anderes als Apfelsaft trinken – man muss ja morgens nicht so früh raus. Und man kann weiter am Highscore für „Warhammer“ arbeiten, man muss ja nicht vormittags in die Schule oder nachmittags in den Sportverein.

Im Jahr 2020 haben die Fälle von häuslicher Gewalt, die bei den Behörden angezeigt wurden, während der Corona-Krise bundesweit um rund sechs Prozent zugenommen. Strukturlosigkeit, Absentismus, Suchtverhalten, Gewalt: natürlich trifft das nicht alle Schülerinnen und Schüler in Schleswig-Holstein, aber es trifft ständig mehr. Und die Lehrkräfte sehen ihre Klassen über lange Zeiträume nicht mehr regelmäßig von Angesicht zu Angesicht; sie treffen ihre Schülerinnen und Schüler nicht mehr in der Pause treffen und wenn, nur mit Maske und Distanz. Viele Lehrer*innen fühlen sich zwischen den Anforderungen von Präsenzunterricht, Distanzunterricht, Hybridunterricht und Notbetreuung aufgerieben. Die Klassengemeinschaft funktioniert auf Distanz niemals so gut wie in Präsenz, die sich in neuen Klassen bisher kaum entwickeln konnte. Viele der üblichen Präventions- und Hilfsangeboten kamen über Monate nicht zum Tragen: keine Angebote in Sportvereinen, keine offene Jugendarbeit. Schutzräume waren über lange Zeit in den vergangenen 14 Monaten gesperrt. Häuser der Jugend geschlossen, und bei Bibliotheken wurde sogar diese Woche noch überraschend der Zugang erschwert.

In der Problembeschreibung sind wir uns vermutlich ziemlich einig. Im Lösungsansatz nur zu einem kleinen Teil. Schulsozialarbeit kann einigen der Probleme begegnen. Sie kann Angebote für Schülerinnen und Schüler machen, die im Unterricht nicht oder kaum zu erreichen sind. Sie kann die Familien und das Umfeld der Kinder und Jugendlichen bei der Suche nach Lösungen besser einbeziehen als überlastete Lehrkräfte. Sie kann aufsuchend arbeiten, sich kümmern, hinterher sein. Jetzt kommt der Unterschied: SPD und SSW schlagen Ihnen einen Pakt für mehr Schulsozialarbeit vor. Bund, Land, und Kommunen sollen gemeinsam für eine Stärkung der dringend benötigten Strukturen sorgen. Jamaika verweist auf den Bund und findet, damit sei ein großer Teil der Arbeit getan. Aber das ist falsch! Mit den Mitteln des Bundes fängt die Arbeit erst an. Sie müssen ergänzt werden mit Landesmitteln. Und auch die Kommunen sollten etwas in den Topf tun.

Schluss mit Zuständigkeits-Pingpong! Wir müssen ins Handeln kommen. Mir wird angst und bange, wenn ich lese, dass Sie jetzt in ihrem Alternativantrag zum scharfen Schwert einer „Bestandsaufnahme“ greifen wollen. Wir brauchen Wege, auf denen wir Kinder und Jugendliche erreichen, die nicht begeistert „Hier“ schreien, wenn die Bildungsministerin mal wieder knapp vor den Sommerferien einen Lernsommer aus dem Boden stampft. Nicht falsch verstehen: Lernsommer ist in Ordnung. Aber warum sieht es immer so aus, als käme der Sommer für Sie überraschend? Wir haben angemahnt, Schülerinnen und Schüler nach einem Lockdown im Stuhlkreis und nicht mit Klassenarbeitsplänen zu begrüßen. Sie haben angeordnet, dass Noten in jedem Fall zu erteilen sind und die Schulen damit zusätzlich unter Stress gesetzt. Eine Sportnote ohne Sportunterricht – Erteilt nach der Eleganz des Ganges über den Schulhof? Und eine Musiknote ohne Musikunterricht – Erteilt nach dem Klang des Ranzens beim Aufschlagen auf dem Tisch? Dieses Schuljahr ist kein gewöhnliches Schuljahr. Das nächste wird es auch nicht. Wir brauchen deshalb Unterstützungsangebote für fachliche Lücken, aber auch im Sozialen. Wir brauchen mehr als „Fahren auf Sicht“, was diese Angebote angeht. Wir brauchen einen Pakt für mehr Schulsozialarbeit. Was wir nicht brauchen, ist der 117. Jamaika-Selbstbejubelungsantrag.“